Aktuelles

Aktuelles auf einen Blick

Projektabschluss des deutsch-niederländischen Geschichtsnetzwerks

Rund 60 Interessierte aus den Niederlanden und Deutschland nahmen am vergangenen Donnerstag an der zweiten Konferenz des transnationalen Geschichtsnetzwerks im Theaterpädagogischen Zentrum in Lingen teil. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Thema Migration.

Jannis Panagiotidis, Juniorprofessor am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien in Osnabrück, verglich in seinem Vortrag „What can Migration History tell us about the current `Refugee Crisis`“ die aktuelle „Flüchtlingskrise“ in Deutschland mit zurückliegenden Ereignissen der Migrationsgeschichte. Er zeichnete dafür die Ereignisse im Sommer 2015 nach, als viele Flüchtlinge aus Afrika sowie dem Nahen- und Mittleren Osten über die Balkanroute nach Deutschland kamen. Die Reaktionen in Deutschland waren äußerst ambivalent: Zum einen etablierte sich eine „Willkommenskultur“ in Deutschland, zum anderen gab es in dieser Zeit enorm viele Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Die Annahme, dass die Situation, mit der sich Deutschland im Sommer 2015 konfrontiert sah, nie zuvor dagewesen sei, relativierte Panagiotidis. Im 20. Jahrhundert habe es viele Migrationsbewegungen in Europa gegeben. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg waren 16 Mio. Menschen in Europa unterwegs, darunter die vielen aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen aber auch Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Überlebende der Konzentrationslager (sog. Displaced Persons). In den 1980er und 1990er Jahren kam zudem eine große Zahl Aussiedler aus Polen, Rumänien und der Sowjetunion nach Deutschland. Den Unterschied zwischen diesen Gruppen beschreibt Panagiotidis wie folgt: Anders als die heutigen Flüchtlinge, waren die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg sowie in den 80er und 90er Jahren deutsche Staatsbürger. Sie hatten somit einen sicheren Aufenthaltsstatus und die Bundesrepublik investierte in ihre Ausbildung und den Spracherwerb. Beides wichtige Faktoren für eine gelungene Integration.

Im Anschluss erläuterte Professor Christoph Rass, ebenfalls vom Osnabrücker Institut für Migrationsforschung, ein geplantes Modellprojekt, das in den kommenden drei Jahren gemeinsam mit der Emsländischen Landschaft und sechs Schulen im Emsland und der Grafschaft Bentheim durchgeführt werden soll. Ziel des Projektes ist die Erstellung eines Moduls für den Unterricht, mit dessen Hilfe das Thema Migration jenseits von den gängigen Zuschreibungen „wir“ und „die anderen“ behandelt werden kann. Eine wichtige Rolle werden dabei die Familiengeschichten der Schülerinnen und Schüler spielen. Denn Migration und Mobilität sind Phänomene, von denen die meisten Familien im Laufe der Geschichte betroffen sind. Folgende Schulen werden an dem Projekt teilnehmen: Gymnasium Werlte, Albert-Trautmann Schule Werlte, Gymnasium Georgianum Lingen, Friedensschule Lingen, Gymnasium Nordhorn und Oberschule Deegfeld, Nordhorn.

Im zweiten Teil der Konferenz wurden die Ergebnisse zweier Projekte des Geschichtsnetzwerkes vorgestellt. Darunter die Publikation „Migration in der Ems Dollart Region. Lernen und Arbeiten jenseits der Grenze“ der Emsländischen Landschaft und des Emslandmuseums Lingen. Mehrere Autoren beschäftigten sich im Rahmen dieses Projektes mit individuellen Grenzerfahrungen in Nordwestdeutschland und dem Norden der Niederlande und zeigen Wanderbewegungen über die Grenze in Vergangenheit und Gegenwart auf. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem 20. Jahrhundert sowie der aktuellen Situation. Und so befinden sich in der Broschüre nicht nur Ausführungen über die niederländischen Eisenbahner in Salzbergen (um 1900), die deutschen Dienstmädchen in den Niederlanden (1920-1950), niederländische Zwangsarbeiter und deutsche Soldaten während des Zweiten Weltkrieges, sondern auch Ausführungen über die derzeitige Situation der Grenzpendler, Studierenden und Schulpartnerschaften in der Region.

Das Geschichtsnetzwerk wird finanzielle durch die Ems Dollart Region unterstützt.

Das Geschichtsnetzwerk wurde 2014 gegründet und stimuliert die Zusammenarbeit in Bezug auf die regionale Geschichte und das kulturelle Erbe in den nördlichen Niederlanden und Nordwestdeutschland. Derzeit sind sechs Einrichtungen im Geschichtsnetzwerk zusammengeschlossen. Aus dem deutschen Grenzgebiet sind die Emsländische Landschaft, das Emslandmuseum Lingen und die Ostfriesische Landschaft vertreten. Auf niederländischer Seite beteiligen sich das Drents Archief, die Waddenacademie sowie die Fryske Akademy.
Weitere Informationen über das Geschichtsnetzwerk finden Sie unter: www.gesnet.eu

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