Region und ihre Sprachen im Unterricht

Frau Plümer Stevens, Sie sind seit dem 01.08.2015 Beraterin für Region und ihre Sprachen im Unterricht. Können Sie sich vielleicht mit ein paar Worten vorstellen?

Sehr gerne. Ich gehöre zur aussterbenden Rasse der plattdeutschen native speaker – so heißt es wohl jetzt Neudeutsch. Das heißt, dass Plattdeutsch meine Muttersprache ist. Und obwohl ich zuerst Plattdeutsch und später – „ auf der Straße“ – Hochdeutsch gelernt habe, ist dennoch etwas aus mir geworden: Ich habe Abitur gemacht und zunächst BWL studiert und viele Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Dies zeigt also, dass es keine negativen Auswirkungen auf die schulische und berufliche Entwicklung hat, wenn Kinder zuerst mit der plattdeutschen Sprache in Berührung kommen, wie den Eltern früher fälschlicherweise suggeriert wurde. 2008 habe ich mich entschlossen, noch einmal zu studieren und bin nun Lehrerin an den Berufsbildenden Schulen Papenburg, Technik und Wirtschaft. Dort unterrichte ich die Fächer Wirtschaft und Deutsch. Seit dem Schuljahr 2015/2016 unterrichte ich auch Plattdeutsch und werde hier von drei Kolleginnen unterstützt. Wenn ich nicht Lehrerin bin, kümmere ich mich um meinen Haushalt und den Garten und natürlich um meine beiden ganz entzückenden Kinder (9 und 13 Jahre), auf die ich sehr stolz bin!!

Was genau sind Ihre Aufgaben als Beraterin?

Ich bin Ansprechpartnerin aller Schulen im Bereich Emsland und Grafschaft Bentheim. Zu meinen Aufgaben gehören die Beratung von Schulen bei der Implementierung von Niederdeutsch und die Unterstützung der Schulen bei der Durchführung von Projekten, Wettbewerben, Veranstaltungen, etc. Aber auch die Entwicklung, Organisation und Durchführung von Fortbildungsmaßnahmen ist ein Baustein meiner Tätigkeit. Ferner bin ich dabei, ein regionales Netzwerk von Fachkräften für Niederdeutsch aufzubauen, um alle Kollegen, die sich für den Erhalt der plattdeutschen Sprache einsetzen, über Aktionen, Schulungen oder aktuelle Themen informieren zu können.

Welche Rolle spielt die Emsländische Landschaft e.V. bei Ihrer Arbeit?

Die Emsländische Landschaft e.V. ist ein ganz starker Partner an meiner Seite, da ich hier eine große Unterstützung in meiner Arbeit erfahre. So unterstützt mich die Emsländische Landschaft e.V. zum Beispiel in der Organisation des Schoolmesterdags, einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeiter und Ehrenamtliche, die Plattdeutsch in der Schule einsetzen. Um diese Fortbildungen finanziell attraktiv zu halten, übernimmt die Emsländische Landschaft e.V.die Honorarkosten der Referenten und zahlt die Miete der Schulungsräume. Ich erhalte aber auch Unterstützung in der Umsetzung weiterer plattdeutscher Projekte wie z.B. jetzt bei der aktuellen Aktion „Freeidach is Plattdach“/“Frijdag is Plattdag“. So übernimmt die Emsländische Landschaft e.V. nicht nur die Kosten für Poster, Aufkleber und Lernkarten, sondern stellt  auch ihre Internetseite zur Verfügung, um Schulen Materialien an die Hand zu geben.

Warum werden Beraterinnen und Berater eingesetzt?

Leider ist es so, dass die Eltern vor Jahren aufgehört haben, mit ihren Kindern plattdeutsch zu sprechen, da man ihnen eingeredet hat, dass diese schulische und berufliche Probleme haben würden, wenn sie Plattdeutsch sprächen. Nun geben diese Kinder, da sie ja nicht mehr Plattdeutsch sprechen, diese Sprache auch nicht an ihre Kinder weiter, so dass die Anzahl der aktiven Sprecher über die Jahre immer mehr zurückging. Dennoch ist sie ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Sprachenvielfalt Europas und steht seit 1999 unter dem besonderen Schutz der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Dies bedeutet, dass es ein offizielles Bemühen gibt, die niederdeutsche Sprache zu erhalten und zu fördern. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der Charta dazu verpflichtet. In  Niedersachsen wurde die Förderung des Plattdeutschen im Niedersächsisches Schulgesetz aufgenommen: Die Schüler sollen „fähig werden, ... ihre Ausdrucksmöglichkeiten unter Einschluss … des Niederdeutschen oder des
Saterfrieschen … zu entfalten“. Um Plattdeutsch zu erhalten, muss Plattdeutsch also in die Schulen zurückgeholt werden. Damit die Schulen mit dieser Aufgabe nicht alleine stehen, werden Berater unterstützend eingesetzt, die neben der Beratung auch Schulungen organisieren und im Gespräch mit den Schulen feststellen können, in welchen Bereichen Bedarf besteht, z. B. an Materialien für den plattdeutschen Unterricht wie Lernkarten, Lesebücher, Arbeitshefte usw., so dass zielgerichtet solche Werke entwickelt oder optimiert werden können. Und mittlerweile gibt es sehr viele Materialien!!

Was genau sind Starterschulen?

Das sind Schulen, die erstmals Plattdeutsch anbieten wollen. Dies kann in Form von Arbeitsgemeinschaften sein. Plattdeutsch lässt sich aber auch prima im Kunst-, Sport-, Werk- oder Sachunterricht einsetzen. Im Musikunterricht lassen sich plattdeutsche Lieder singen, bei Schulveranstaltungen können plattdeutsche Sketche oder Theaterstücke aufgeführt werden. Ein Angebot plattdeutscher Bücher in der Schulbücherei rundet das Konzept ab.

Interessierte Schulen können sich über mich als Starterschulen bewerben und erhalten für die Vor- und Nachbereitung plattdeutscher Unterrichtsstunden bis zu drei Anrechnungsstunden, die zunächst für ein Jahr gewährt werden und dann neu beantragt werden können.

Wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Oh, man kann mich auf ganz vielfältige Weise erreichen: über die Emsländische Landschaft e.V. zum Beispiel oder  über meine Schule. Am einfachsten ist der Weg per E-Mail:

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Wer direkt eine Beratung wünscht, stellt am besten eine Beratungsanfrage über die Internetseite der NLSchB unter
                - Beratung & Unterstützung
                    - Angebote für Schulen und Studienseminare
                        - Unterrichtsentwicklung - Fächer
                            - Schulformübergreifende Beratung
                                - Region und ihre Sprachen im Unterricht.

Ich erhalte dann sofort Nachricht und setze mich mit der anfragenden Schule in Verbindung.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?

Ich möchte gerne bewirken, dass die Menschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim wieder ein Bewusstsein für unsere schöne plattdeutsche Sprache erlangen. Ihnen soll bewusst werden, dass Plattdeutsch ein ganz wertvolles Gut ist und dass mit dem Erwerb der Sprache viele Vorteile verbunden sind. So ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen – und wer Plattdeutsch und Hochdeutsch kann, ist mehrsprachig!!! – einfacher weitere Sprachen lernen. Bei früher Mehrsprachigkeit werden größere Bereiche des Gehirnareals aktiviert, das zuständig ist für das Arbeitsgedächtnis und für Problemlösungen. Zudem stellt Plattdeutsch  eine Zusatzqualifikation zumindest für Bewerber um einen Ausbildungsplatz dar, da viele norddeutsche Unternehmen bevorzugt Auszubildende einstellen, die über plattdeutsche Kenntnisse verfügen. Für Unternehmen ist Plattdeutsch ein ganz großes Potential, denn Umfragen belegen, dass sich Kaufabschlüsse leichter erzielen lassen, wenn das Beratungsgespräch mit plattdeutsch sprechenden Kunden auf Plattdeutsch geführt wird. Zudem belegen die Umfragen eine stärkere Kundenbindung sowie eine überdurchschnittliche Weiterempfehlungsrate. In Einrichtungen der Pflege- und Gesundheitsbranche kann durch Plattdeutsch leichter ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Patienten aufgebaut werden. Diese sind dann eher bereit, sich für medizinische Anwendungen und Notwendigkeiten zu öffnen, wenn sie in ihrer Muttersprache angesprochen werden.

Die Ostfriesische Landschaft hat den Wunsch sämtlicher Eltern recht treffend formuliert: „Uns Kinner sölen de Spraken lehren, de se later bruken.“ Sie fragt auch ganz passend – und darüber sollten wir uns mal Gedanken machen: „Man wo könen wie weten, welke Spraken dat för uns Kinner sünd? Waarum sullen wie en Spraak utsluten, wenn twee of dree of mehr mögelk sünd?“

Aber unabhängig von diesen Vorteilen ist Plattdeutsch einfach eine gefühlvolle Sprache, die einen viel größeren Wortschatz für die Beschreibung von Gefühlen und Naturzuständen hat als das Hochdeutsche. Das hat auch schon Gotthold Ephraim Lessing erkannt, der einmal sagte: „Erst im Lande der Niederdeutschen habe ich den ganzen Umfang der deutschen Muttersprache begriffen.“

 

 

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